Die Insel der grauen Mönche (2015)

Auszug aus dem aktuellen Kriminalroman:

 

Im Sommer sollte nichts Böses geschehen.

Man kann sein Leben doch nur in diesen drei, maximal vier Monaten pro Jahr wirklich in vollen Zügen genießen.

Wenn diese Zeit dann von irgendeiner Tragödie überschattet wird, ist das alles andere als fair.

Lars war der Sommer heilig. Schon als kleiner Junge war er sich der eigenen Sterblichkeit bewusst gewesen und hatte fürchterliche Angst gehabt, ausgerechnet zu Beginn dieser wenigen warmen, berauschenden Monate sterben zu müssen und so deren ganze Schönheit schlicht und einfach zu verpassen. Lars versuchte immer, so viele Sommerfreuden wie nur irgend möglich mitzunehmen. Bereits im Herbst begann er zu planen, mit welchen Annehmlichkeiten er seinen nächsten Sommer verbringen würde, wohin verreisen, was erleben. Auf seinem Bauernhof gab es immer jede Menge zu tun, was ihn allerdings nicht daran hinderte, sich Urlaube, Ausflüge, Picknicks und andere schöne Unternehmungen auszudenken. In der Zeit seiner Abwesenheit ließ er sich immer von Sjoerde, einem Nachbarn und Freund seiner Frau vertreten, der sich dadurch wenigstens etwas dazuverdiente; zwar war Sjoerde ein bisschen verrückt und ungesellig noch dazu, aber mit Tieren konnte er ganz gut, und bisher war noch immer Verlass auf ihn gewesen. Lars versuchte, selbst aus dem grauesten Alltag, den er mit Gwen zu Hause verbrachte, das Beste herauszuholen. Ihm war klar, was für ein Glück er hatte mit seinem Leben auf der Insel. Was war denn schon dabei, dass Schiermonnikoog nicht mehr war als ein Sandhaufen, ein kleines Fleckchen inmitten der Nordsee, auf dem es nichts gab außer Salzwiesen, Dünenstreifen am Strand und ein paar kleinen Dörfern? Was war dabei, dass es hier wesentlich häufiger regnete als auf dem Festland und dass es höchstens einmal pro Monat ein wenig Windstille gab? Auch auf eine so unwirtliche Insel kamen gerne Gäste, um hier ihre Ferien zu verbringen, und für diese ein, zwei Wochen im Jahr waren diese Gäste dann auch immer dankbar. Lars hingegen genoss seine Zeit, wann immer es ging.

Wenigstens können wir in schönen Erinnerungen schwelgen“, pflegte er zu sagen, wenn Gwen mal wieder anmerkte, dass sie sich dieses Abendessen in dem feinen Leeuwardener Restaurant oder den Ausflug mit dem Motorboot hätten sparen können oder wenigstens auf den nächsten Monat verschieben, wo sie doch schon wieder im Minus waren.

Lars sah das etwas anders. Wenn ihm der Salzwind durch die Haare strich und das Steuer des Motorboots sanft durch seine Hände glitt, war es ihm herzlich egal, dass er für Benzin oder Abendessen Überziehungszinsen zahlen musste. Wenn er so darüber nachdachte, dann schienen ihm diese Ausflüge, die sie sich eigentlich gar nicht leisten konnten, aber trotzdem unternahmen, gerade deshalb noch berauschender. Er schlug dem Schicksal ein Schnippchen. „Wir genießen jetzt“, erklärte er Gwen, „und zahlen später. Koste es einfach aus. Und woher willst du eigentlich wissen, dass wir am Ende überhaupt zahlen müssen? Was, wenn einer von uns beiden schon morgen von irgendeinem Bus überrollt wird? Nichts ist hundertprozentig sicher, Gwen, nicht mal, dass wir heute Abend alle drei heil zurückkommen.“

Wenn er solche Reden schwang, runzelte sie die Stirn; sie hasste es, wenn er andeutete, dass Eli irgendetwas zustoßen könnte – dass auch ihre Tochter sterblich war. Sie warf Lars vor, er sei ein Drama-King, und es störte sie, dass er kein Vertrauen in ihre strahlende Zukunft hatte.

Hätte er geahnt, dass seine Bedenken gar nicht so abwegig waren, hätte er wesentlich öfter Familienausflüge auf Pump geplant.

Es geschah mitten im Hochsommer: Es war einer dieser wenigen Tage, an denen absolut kein Lüftchen weht und an denen das Meer blau ist und in kleinen Wellen langsam und träge wie eine Robbe auf den Strand zurollt.

Ihre Stute war krank und Lars wartete auf den Tierarzt, aber Gwen überredete er, nicht einfach so zu Hause rumzusitzen, sondern lieber mit Eli zum Strand zu gehen. „Nutzt doch das schöne Wetter aus“, meinte er. Später würde er sich wegen dieser Worte am liebsten die Zunge rausreißen.

Den ganzen Nachmittag blieb er in der Nähe der kranken Stute, aber als Gwen und Eli in der Abenddämmerung noch immer nicht heimgekehrt waren, wurde er nervös. Mittlerweile war Wind aufgekommen, lau und leicht wie ein Südwind. Lars hatte Gwen bereits fünf oder sechs Mal angerufen, aber sie nahm einfach nicht ab. Das war nicht weiter beunruhigend, denn nicht selten schaltete sie ihr Handy abends stumm und vergaß dann, es am Folgetag wieder auf Normal zu stellen. Lars dachte, die beiden könnten auf ihrem Heimweg bei Bekannten eingekehrt sein, und er rief ein paar Leute an, aber keiner hatte Gwen und Eli gesehen.

Immer wieder wählte er Gwens Nummer. Endlich – der Himmel war bereits dunkelblau und die Bäume und das Stalldach nur noch schwarze Silhouetten – nahm jemand ab, aber statt Gwen war nur ein Schnaufen zu hören, dann irgendein Geräusch und schließlich ein ersticktes „Hallo?“

 

Eli!“ Lars hatte keine Ahnung gehabt, dass seine knapp vierjährige Tochter bereits telefonieren konnte. Sowieso wusste er von seiner Tochter ziemlich wenig. Die Kleine verbrachte die meiste Zeit mit ihrer Mutter. „Wo seid ihr denn? Gib mir mal die Mama.“

 

Schluchzen.

 

Warum weinst du denn? Wo ist die Mama?“

 

Schluchzen. Panik. Hilflosigkeit.

 

Wo ist die Mama, Eli?“

 

Die Mama... liegt da.“

 

Wo liegt die Mama? Was ist denn passiert? Menschenskind, Eli, sag doch was!“ Vor lauter Angst wurde ihm ganz schlecht. Ihm wurde klar, dass seine einzige Verbindung zu Gwen, die vielleicht schnellstmöglich Hilfe brauchte, seine Tochter war, die – entweder mit Absicht oder aus Versehen – einfach auflegen konnte und danach vielleicht nicht mehr drangehen. Dann bliebe ihm nichts anderes übrig, als den 24 Kilometer langen Strand und jede einzelne Sandkuhle in den endlosen Dünen absuchen. Er rief sich zur Ruhe: „Schnell, Eli, sag mir, was die Mama gerade macht!“

 

Die Mama bewegt sich nicht.“

 

Bloß keine Panik. Bloß keine Panik. „Wo seid ihr?“

 

In... in den Dünen.“

 

Wo in den Dünen? Beim Restaurant? Guck dich mal um, Eli. Siehst du da ein Restaurant? Siehst du irgendwelche Lichter, Eli?“

 

Wieder Weinen. „N-n-nein...“

 

Sie waren also allein und wesentlich weiter weg. Und das in dieser Dunkelheit. Er stellte sich die beiden vor in einer dieser zahlreichen Kuhlen, umgeben von im Wind rauschendem Seegras – Gwen bewegungslos und Eli völlig verstört – und vor lauter Hilflosigkeit hätte er am liebsten losgebrüllt. Meistens vermied es Gwen, auf dem bewachten Strandabschnitt zu bleiben. Sie hasste Menschenmassen, weshalb sie mit Eli auf dem Rad immer bis zu der am weitesten entfernten Inselspitze direkt beim Naturschutzgebiet fuhr. Vor ihrem Mutterschaftsurlaub hatte sie Touristengruppen durch das Gebiet geführt, und auch jetzt half sie ab und zu aus, sie kannte also jede noch so kleinste Ecke und ihr kam überhaupt nicht in den Sinn, sich vor irgendwas zu fürchten.

 

Ich bin doch immer bei ihr“, sagte sie, wenn Lars einmal Einwände erhob, weil sie Eli zum unbewachten Strand mitnahm. „Ich lasse sie doch nie aus den Augen, und wenn wir schon mal ins Wasser gehen, dann bleiben wir immer da, wo es flach ist. Was sollte da schon passieren?“

 

Und siehe da: Am Ende sollte der Drama-King Recht behalten. Irgendwas war passiert. Oder war Gwen wirklich nur eingeschlafen?

 

Ist da noch jemand außer euch?“, fragte er, obwohl er die Antwort bereits kannte.

 

Nein.“

 

Und hast du auch versucht, die Mama aufzuwecken?“

 

Hab ich.“

 

Und sie ist nicht aufgewacht?“

 

Nein.“ Und dann: „Ich will nach Hause! Nach Hause, nach Hause, nach Hause!“

 

Mehr war aus Eli nicht herauszubekommen. Aber für irgendwelche Diskussionen war jetzt sowieso keine Zeit. Er musste die beiden finden, und zwar so schnell wie möglich. „Liebling, nicht weinen! Halt das Telefon schön weiter ans Ohr und warte bei der Mama“, befahl er seiner Tochter. „Und drück auf dem Telefon keine von den Tasten. Nur immer schön festhalten. Ich ruf dich gleich noch mal an. Und schon bald bin ich bei euch, ja?“

 

Rotzhochziehen. „Ja-ha.“

 

Vom Festnetz aus rief er die Polizei an, dann griff er sich eine starke Taschenlampe, verließ das Haus und setzte sich in den Wagen. Außer während des Gesprächs mit der Polizistin versuchte er, mit Eli in ständigem Kontakt zu bleiben und zu vermeiden, dass sie auflegt oder irgendeine Dummheit macht.

 

Er beschloss, auf dem Radweg die Dünen längs Richtung Naturschutzgebiet zu fahren, vielleicht entdeckte er irgendwo Gwens Fahrrad. Zwar sahen sich alle Fahrräder auf der Insel ziemlich ähnlich, aber jetzt würden kaum noch welche draußen herumstehen, und Gwens Rad würde er am bunten Gepäckträger-Korb erkennen.

 

Als er vom Hof herunterfuhr, lief direkt vor seiner Kühlerhaube ein Fuchs vorbei; er musste scharf bremsen und das Handy fiel zu Boden. Fluchend beugte er sich vor und tastete in der Dunkelheit zwischen den Pedalen herum, bis er das Handy gefunden hatte.

 

Bist du noch dran, Liebling?“ fragte er.

 

Nichts. Ihre Verbindung war unterbrochen worden.

 

Er versuchte, Eli erneut anzurufen, aber es war besetzt. Als ihr Gespräch unterbrochen worden war, hatte sie vielleicht blindlings irgendwelche Tasten gedrückt und dadurch jemanden anderen angerufen.

 

Vor lauter Angst krampfte sich sein Magen zusammen. Er trat auf das Gaspedal, und als der Wagen wieder anfuhr, beruhigte ihn schon die Tatsache, dass er jetzt etwas unternahm. Er würde Gwens Fahrrad finden und dann musste er nur noch laut rufen, da war er sich sicher. Eli würde ihn hören und antworten. Wahrscheinlich war Gwen lediglich schlecht geworden... Vielleicht hatte sie einen Sonnenstich... Vielleicht war sie in Ohnmacht gefallen, weil sie zu viel Sonne getankt und zu wenig getrunken hatte? So etwas konnte doch sein, oder?

 

Gwen und er wohnten im Dorf Kooiplaats, das aus wenigen eng beisammen stehenden Bauernhöfen und einem Ausflugslokal bestand. Hinter den Häusern erstreckte sich Weideland, und noch weiter dahinter begann das Naturschutzgebiet: ein relativ großes und unbewohntes Stück Insel. Auf der staubigen Küstenstraße traf Lars niemanden. Vor dem Wagen hüpften hier und da ein paar Hasen in die Nacht und einmal sah er aus dem Gras heraus die Augen eines weiteren Fuchses glänzen. Er hielt seine Geschwindigkeit bei und riss lediglich das Lenkrad zur Seite, wenn der Wagen durch ein Schlagloch rumpelte. Jetzt umgab ihn nur noch mit Sanddorn bewachsene Einöde, die nach ein paar Kilometern durch Holzzäune begrenzt wurde. Dieser Teil des Naturschutzgebietes diente als ausgedehntes Weideland für Schafe und eine Gruppe von Pferden, die sich in dieser mehrere Quadratkilometer umfassenden Wildnis frei bewegen konnten. Lars kam am Einfahrt-verboten-Schild vorbei und fuhr immer weiter. Vor ihm ragten die ersten Dünen schwarz in den Himmel.

 

Hier irgendwo musste Gwens Fahrrad sein.

 

Und wirklich, er entdeckte es bald: Das verlassene schwarze Rad mit dem rotweiß lackierten Bastkorb lehnte am Geländer eines der Strandaufgänge.

 

Innerlich bebte er vor Angst, aber als er aus dem Wagen stieg und die sanfte, nach Seegras und Salz riechende Luft einsog, musste er unwillkürlich denken, dass dies doch ein wunderschöner Abend war. Im Mondlicht glänzte der Rahmen von Gwens Rad, aus dem Weideland stiegen silberne Nebelschwaden auf, zwischen den Seegras-Büscheln erklangen Zikadenrufe und hinter den Dünen rauschte das Meer. Lars zog seine Taschenlampe hervor und lief Richtung Dünen.

 

Eli“, rief er so laut er konnte. „Eli, bist du da?“

 

Als er in der Ferne die Stimme seiner Tochter vernahm, war er voller Hoffnung. Alles würde sich klären. An einem so wunderschönen Abend konnte doch nichts Böses geschehen.

 

Auf dem Gipfel der höchsten Düne tauchte Eli in ihrem weißen Strandkleidchen auf. Sie weinte laut. Kurz darauf fand er Gwen; in einer zugewehten Dünenkuhle lag sie auf der Seite, mit dem Rücken zu ihm, und auf seine Rufe reagierte sie nicht. Sobald er bei ihr angelangt war, drehte er sie zu sich und schien ihr mit der Taschenlampe ins Gesicht; er begriff sofort, dass er ihren Puls nicht zu befühlen brauchte.

 

 

 

So hatte ihr Vater ihr die Geschichte erzählt; als sie sie zum ersten Mal gehört hatte, war sie wohl zwölf oder dreizehn Jahre alt gewesen. Bereits davor hatte sie natürlich gewusst, dass ihre Mutter am Strand gestorben war, und zwar in ihrer Anwesenheit, und dass die Polizei den Vorfall untersucht, die Ermittlungen aber bald eingestellt hatte. Weitere Einzelheiten kannte sie keine; in ihrer Familie war das Thema tabu. An einige gemeinsame Stunden konnte sie sich noch erinnern, aber dieser Tag in den Dünen, von dem ihr Vater da sprach, war wie aus ihrem Gedächtnis gelöscht. Wohl wegen des Schocks, meinte ihr Vater, und dass sie froh sein könne, nichts mehr davon zu wissen. Eigentlich habe er nie mit ihr darüber reden wollen.

 

Schließlich hatte er es aber doch getan und war wohl auch froh darüber gewesen, sich alles von der Seele reden zu können. Statt sich zu erschrecken, war Eli vielmehr fasziniert. Als wäre das gar nicht sie gewesen, die damals in dieser Dünenkuhle gehockt hatte neben dem leblosen Körper der eigenen Mutter. Aber als ihr Vater zu erzählen begann, hatte sich etwas in ihr gerührt, irgendein Erinnerungsfetzen an nackte Füße in auskühlendem Sand hatte sie gekitzelt, der kalte Abendwind auf ihren nackten Armen – ihre sonnengebräunte Haut hatte in der Abenddämmerung noch dunkler gewirkt – und ihr Magen hatte sich angstvoll zusammengezogen. Eli hatte instinktiv gewusst, dass das böse war, richtig böse, aber ihr Verstand hatte ihr etwas anderes gesagt: Die Mama schläft nur ganz doll fest, sie ist nämlich richtig müde gewesen und dann einfach eingenickt. Und wenn der Papa kommt, dann weckt er sie ganz bestimmt wieder auf. Als sie daran dachte, erinnerte sie sich auch an dieses weiße Strandkleidchen aus Baumwolle, dass sie sich über die Knie gezogen hatte, damit ihr die Windstöße nicht gar so kalt vorkämen.

 

War das wirklich eine Erinnerung? Oder eher eine Vorstellung? Letzteres schien ihr wahrscheinlicher. Sie hatte schon immer eine blühende Phantasie gehabt.

 

Danach hatte sie ihren Vater noch ein paar Mal gebeten, ihr von dieser Nacht zu erzählen; und er hatte sich nie wirklich gesträubt, denn für beide war das eine Art Therapie gewesen. Eli verschlang jedes einzelne seiner Worte und speicherte es in ihrem Gedächtnis ab. Nun wusste sie wenigstens, wie es wirklich gewesen war.

 

Erst jetzt, zwei Jahre nachdem sie die Geschichte zum ersten Mal gehört hatte, kam ihr auf einmal der Gedanke, dass sich das Ganze ja auch ganz anders abgespielt haben könnte.

 

Sie hatte keinerlei Beweise, keine Erinnerungen, nichts. Nur das Wort ihres Vaters.