Der Kater von Montmartre (2013)

Das zweite Buch mit Geschichten für Katzenliebhaber und ihre Freunde.

DER ABSCHNITT:

Checkpoint Charlie

Es war im August Neunundachtzig, dass sie beide die Genehmigung erhielten, für zehn Tage nach West-Berlin zu reisen. Willi war aufgrund seiner Arbeit bereits öfters im Westen gewesen – er war Biologe und auch diesmal reiste er zu einem Kongress –, doch für Else war es das erste Mal, dass sie mitdurfte. Sie freute sich so sehr, dass sie in der Nacht vor der Reise kein Auge zutat.

Das sag ich dir: in spätestens einem Jahr bricht das alles hier zusammen“, sagte Willi während des Frühstücks behaglich. „Das ist nur ein weiterer Beweis dafür, dass das Regime nur noch auf Sparflamme läuft.“

Was meinst du mit Beweis?“ erkundigte sich Else, die infolge ihrer durchwachten Nacht wie betrunken war.

Dass sie uns beide rauslassen. Zusammen.“ Willi lachte. „Ich hab so ein Gefühl, dass wir schon bald völlig ungehindert überall hinreisen können.“

Willis entfernte Verwandte hatten ihnen eine Parterrewohnung in einem Mietshaus in der Puttkamerstraße überlassen, nur einen Katzensprung vom Prominenten-Grenzübergang Checkpoint Charlie entfernt. Normalerweise war diese Wohnung vermietet, aber vor kurzem waren die letzten Mieter ausgezogen und die Verwandten hatten Willi und Else die Wohnungsschlüssel beim Hausmeister hinterlegt.

Als sie den Schlüssel erstmals in das Schloss der schweren Holztür steckte, redete Else sich ein, sie käme nach Hause, sie lebten in West-Berlin und dies sei ihre Wohnung. Es war ein merkwürdiges Gefühl. Nur zu leicht hätte sie sich daran gewöhnen können. In der Küche drehte sie sich mit ausgebreiteten Armen um sich selbst; ganz schwindelig wurde ihr davon und Willi musste sie auffangen.

Auf diese Fensterbank würde ich einen Blumenkasten mit Geranien stellen“, sagte sie, während sie dabei waren, ihre Sachen auszupacken. „Und ich würde mir ein Fahrrad kaufen und jeden Morgen zu dieser Bäckerei an der Ecke radeln, um frische Brötchen zu holen.“

Mit dem Rad einkaufen fahren kannst du doch auch zu Hause, warf Willi ein. „Wir müssten halt eines anschaffen.“

Er hatte völlig Recht, aber Else schien es, als würde hier im Westen alles viel mehr Spaß machen. Diese Illusion wollte sie sich nicht nehmen lassen. Einmal hatte sie Willi vorsichtig nahegelegt, dass sie ja nicht zurückkehren müssten, aber davon wollte er erst gar nichts hören. Im Osten hatte er seine Mutter, seine Schwester, seinen Bruder und die Neffen. Die bekämen dann nur Scherereien, könnten auf keine ordentliche Schule mehr gehen und überhaupt.

Aber du sagst doch selbst, dass das Regime in spätestens einem Jahr zusammenbricht, erwiderte Else.

Eben. Und wegen einem Jahr würdest du so viel riskieren wollen?“

Doch Else wusste, dass überhaupt nichts zusammenbricht; in fünf oder zehn Jahren würde alles immer noch beim Alten sein, und dass sie jetzt zusammen im Westen waren, war wohl eher ein Versehen, eine Unachtsamkeit, die sich niemals wiederholen würde. Willi davon überzeugen zu wollen hatte keinerlei Zweck. Sie war zwölf Jahre jünger als er und er bestimmte. Das hatte sich so eingespielt.

Sie öffnete den Kühlschrank, um die von zu Hause mitgebrachten Vorräte einzuräumen, und stellte fest, dass er bereits voller Lebensmittel war.

Schau mal!“ Lächelnd drehte sie sich zu Willi um. „Das haben die extra für uns hiergelassen, was? Kannst du dir vorstellen, dass unser Kühlschrank zu Hause..., und sie wandte sich erneut dem Kühlschrank zu, „einmal so voll wäre mit solchen Sachen?“ Sie griff nach einem Joghurtbecher. Sahnejoghurt mit Schokoladenstückchen. „Was probieren wir denn mal?“

Willi runzelte die Stirn. „Am besten gar nichts.“ Dann trat er, die Hände in den Hosentaschen, an den Kühlschrank. „Wenn wir das hier essen, haben die Geld in uns investiert und ich muss es ihnen irgendwie zurückzahlen.“

Willi!“

Ich weigere mich, irgendwem wegen irgendeinem Joghurt oder irgendeinem Käse irgendwas schuldig zu bleiben.“ Er schüttelte den Kopf. „Und ich will mir nicht wie ein armer Verwandter vorkommen. Wir essen nur das, was wir mitgebracht haben oder selber kaufen.“

Er hatte wohl Recht. Er hatte ja immer Recht – oder zumindest benahmen sich beide so, als ob er immer Recht hätte.

Sie aßen also die von zu Hause mitgebrachten Stullen und spazierten anschließend einmal um den Block; viel weiter kamen sie nicht, denn Willi wollte sich noch auf seinen Kongress vorbereiten. Während er arbeitete, öffnete Else vorsichtig die Kühlschranktür, um all die Sachen zu inspizieren, die Willi beiseite geschoben hatte, um in einem der Fächer Platz zu schaffen für ihre eigenen, so gewöhnlichen Lebensmittel. Schrecklich gern hätte sie beispielsweise von diesen Riesen-Blaubeeren gekostet, von dem Erdbeerpüree oder diesem Stracciatella-Joghurt. Wenn sie das alles zehn Tage lang nicht anrührten, würden viele der Sachen schlecht werden – was eben nicht zu ändern war.

Sie zuckte mit der Schulter, schloss die Kühlschranktür und trat ans Fenster, um hinauszusehen.

Du bist enttäuscht, weil wir nicht ausgegangen sind, um uns irgendwas anzusehen, entschuldigte sich Willi beim Lichtausmachen. „Nicht böse sein. Morgen hab ich nicht mehr so viel zu tun.“

Else schwieg und begann sich erneut auszumalen, sie seien gerade eingezogen und würden in dieser wunderschönen Wohnung mit dem Parkettboden, der roten Kaffeemaschine und den hohe Decken für immer wohnen bleiben. In ihrer Vorstellung wurde sie zu einer anderen Frau, befreit und selbstsicher. Diese neue Else hatte keinerlei Problem damit, ihrem Mann zu sagen, dass sie diese riesigen West-Blaubeeren essen will, anstatt ihnen nur zehn Tage lang dabei zuzusehen, wie sie im Kühlschrank vor sich hinschrumpeln. Oder sie würde erst gar kein Wort darüber verlieren und die Blaubeeren schlicht und einfach essen. Oder sie würde versuchen, Willi klarzumachen, dass sein Stolz völlig unangebracht ist, weil man das Leben doch möglichst auskosten sollte und sich nicht immer nur beherrschen darf und darauf achten, was die anderen wohl denken.

Wir haben doch noch neun Abende vor uns, sagte Willi in die Dunkelheit hinein. „Da können wir noch jede Menge unternehmen. Was würdest du dir denn gern ansehen?“

Alles.“

 

***

 

Else erwachte, als die Tür hinter Willi ins Schloss fiel. Es war Montag. Die Sonne schien zum Fenster herein, aber die dicken Wände des alten Hauses hielten die Räume kühl. Sie blieb liegen und sah zu, wie der Wind mit dem Vorhang spielte.

Als sie von zu Hause abgefahren waren, hatte sie noch gedacht, es würde ihr etwas ausmachen, wenn Willi ganze Tage auf seinem Kongress zubringt und sie sich in der fremden Stadt allein amüsieren muss; aber statt der befürchteten Sehnsucht überflutete sie nun ein Gefühl der Aufregung. Dort draußen wartete eine riesige, unbekannte Stadt auf sie, und sie konnte überall hingehen und tun und lassen, was sie wollte!

Auf dem großen Bett liegend breitete Else ihre Arme aus. Sie würde das Mantelfutter auftrennen und die West-Mark herausholen, die ihr Bruder irgendwo aufgetrieben hatte, und dann würde sie sich von einem Geschäft zum anderen treiben lassen, jede Menge Kleider anprobieren und anschließend alles wieder zurückhängen. Und am Ende würde sie sich tatsächlich etwas kaufen – am liebsten irgendeinen schönen Badeanzug. Und dann würde sie auch bei diesen Bettlern vorbeischauen, die sie auf ihrem Weg in die Puttkamerstraße vom Wagen aus gesehen hatte; sie hatten auf Gitarren und Flöten gespielt und mit Kreide auf den Asphalt gemalt. Sie hatten Hunde dabei gehabt und Kinder. Einige von ihnen hatten ausgesehen wie die Schauspieler aus diesem alten Film Hair, den Else einmal auf Video bei ihrer Freundin Sonja gesehen hatte. Auch wenn sie selbst nicht allzu viel Geld hatte, würde sie ihnen eine Mark geben oder zwei; und dann würde sie in ein Lebensmittelgeschäft gehen und sich ihre eigenen Riesen-Blaubeeren kaufen und ihr eigenes Erdbeerpüree und ihren eigenen Sahnejoghurt Stracciatella. Und noch bevor Willi von seinem Kongress zurück wäre, würde sie alles aufgegessen haben.

Else stand auf, kochte sich einen Kaffee und beugte sich anschließend über den Stadtplan von West-Berlin, den sie im Küchenregal gefunden hatte. Über den Ventilator der Parterrewohnung drang vom Klettergerüst im Hinterhof Kindergeschrei; daraus schloss sie, dass gerade Ferien waren. Als sie so alt gewesen war wie die Kinder da draußen, hatte sie gedacht, dass sie mit Einunddreißig bereits eigene große Kinder haben würde, aber – sie zuckte mit der Schulter – wer hat schon das Leben, von dem er als Kind geträumt hat.

Sie öffnete das Fenster – sie wollte die Kinder ein Weilchen beobachten – und stützte sich mit dem Kaffeebecher in der Hand auf der Fensterbank ab.

Und da stand er, ihr direkt gegenüber.

Er sah wirklich erbärmlich aus.

Dann gab er ein „Miau von sich.

Noch nie hatte sie einen Kater in einem so schlechten Zustand gesehen. Er war abgemagert, hatte an Ohren und Hals nässenden Schorf und aus Augen und Nase rann ihm Eiter. Die Kinder spielten nicht mehr als fünf, höchstens zehn Meter von ihm entfernt, aber entweder hatten sie ihn noch gar nicht entdeckt oder der Kater interessierte sie nicht. Er zumindest zeigte nicht die geringste Scheu. Ruhig stand er da und blickte so sehnsüchtig in Elses geöffnetes Wohnungsfenster, als wolle er sofort auf die Fensterbank und dann hineinspringen.

Wem gehörst du denn?“ fragte Else leise, obwohl ihr klar war, dass dieser Kater, wenn er denn irgendeinen Besitzer hätte, keinen so jämmerlichen Anblick böte.

Miau, erwiderte der schwarze Kater mit seinem weißen Brustlätzchen, und als er näherkam, sah sie, dass er auch an der Brust Schorf hatte. Schwer zu sagen, ob die Verletzungen von einer Balgerei mit einem anderen Kater herrührten oder ob es sich um irgendeine Erkrankung handelte. Else hatte keinerlei Erfahrung mit Katzen, dabei hätte sie nichts dagegen gehabt, selbst eine oder zwei zu halten. Willi jedoch legte keinen Wert auf irgendwelche Haustiere.

Wofür soll so eine Katze denn gut sein?“ hatte er sie gefragt, nachdem Else bei einem Besuch die Perserkatze ihrer Freundin bewundert hatte. „Was haben Katzen denn überhaupt für einen Sinn?“

Naja... so eine Katze kann man beispielsweise streicheln und liebhaben... und immer ist jemand da, der dich gern hat... und so, hatte Else geantwortet.

Und so eine Katze kostet jede Menge Geld, hatte Willi eingewandt.

Klar, hatte sie grinsen müssen. „Wer den Pfennig nicht ehrt, ist des Talers nicht wert.“ Das war sein Lieblingssprichwort.

Genau, hatte er gelacht und sie in den Arm genommen. „Wer den Pfennig nicht ehrt, ist des Talers nicht wert!

Als Else nun der Gedanke kam, diesen verwahrlosten Kater zu adoptieren, verwarf sie ihn sofort wieder. Schwerlich hätten sie ein lebendiges Tier über die Grenze schaffen können, und selbst wenn hätte funktionieren können: Willi wäre dagegen gewesen.

Miau, meldete sich der Kater, der weiterhin unter dem Fenster saß und sie abwartend ansah. Er ist wohl schon etwas betagt, kam ihr in den Sinn. Er hatte einen erstaunlich ruhigen, fast allwissenden Blick, und trotz all des Schorfs und all der Wunden wirkte er irgendwie würdevoll. Weise. Wie ein alter Universitätsprofessor, der aufgrund unglücklicher Lebensumstände obdachlos geworden war.

Ich schau mal, was ich dir zu fressen geben kann, sagte Else hastig und öffnete den Kühlschrank. Die Auswahl war riesig.

Eine halbe Stunde später hockte der Kater auf dem Zinkblech der breiten Fensterbank und begann sich behaglich zu putzen. Er hatte den Käse gefressen, den Else von daheim mitgebracht hatte, und dann den West-Schinken, dessen Verpackung sie nach kurzem Zögern aufgerissen hatte. Würde sie die Verpackung direkt in die Mülltonne werfen, käme Willi erst gar nicht auf die Idee, dass irgendetwas von den verbotenen Lebensmitteln abhanden gekommen sein könnte.

Sie strich dem Kater über den wunden Kopf. Er blickte ihr wirklich direkt in die Augen.

Wohnst du in der Nachbarschaft?“ fragte sie ihn. „Vielleicht in irgendeinem Keller?“

Miau, erwiderte er und blickte erneut voller Sehnsucht in die Küche hinter ihr.

Du möchtest wohl reinkommen, was?“ Sie schüttelte den Kopf. „Das geht leider nicht.“

Sie streichelte ihn immer weiter. Der Kater kniff die Augen zusammen und begann alsbald zu schnurren. Zunächst ganz zaghaft und leise, als schiene es ihm irgendwie unpassend, aber dann wurde sein seliges Schnurren immer lauter. Else fing an, sich mit ihm zu unterhalten. Sie erzählte ihm, woher sie kam und dass sie eigentlich gar nicht zurückwolle – Eltern hatte sie keine mehr, die Arbeit im Büro langweilte sie und in ihrer Wohnung im obersten Stockwerk eines Plattenbaus fühlte sie sich seit ganzen neun Jahren nicht zu Hause – aber was blieb ihr schon anderes übrig: in neun Tagen musste sie ihre Anker wieder lichten.

Gern würde ich irgendwo Wurzeln schlagen“, erklärte sie dem Kater. „Irgendwo da, wo es mir gefällt. Hier würde es mir gefallen. Sofort, als ich diesen Ort hier gesehen hab, hab ich das gespürt. Außerdem hätte ich gern Kinder. Wenigstens eins. Ich bin alt genug. Nur dass Willi immer sagt: ‚Ein Kind kostet, bevor es groß ist, einen Riesenbatzen Geld. Von diesem Geld können wir uns gleich fünf Trabbis anschaffen.Was, Katerchen, soll man auf so was antworten?“

Miaugab der Kater zurück, als habe er sie verstanden.

Else redete sich das wohl nur ein, aber irgendwie hatte sie den Eindruck, sie wären bereits Freunde.

  

***

 

Die Badeanzüge kamen ihr alle viel zu teuer vor, und deshalb kaufte sie sich am Ende nur ein schwarz-rosafarbenes Bikini-Höschen. Das kam wesentlich billiger, und ein passendes Oberteil konnte sie sich zu Hause selber nähen aus einem schwarzen Elastikschlauch, den sie in der Mitte mit einem Gummi zusammenraffen würde. Und wenn es ihr gelänge, das passende Material aufzutreiben, würde niemand bemerken, dass die beiden Teile gar nicht zusammengehören.

Gut gelaunt kehrte sie von ihrem Ausflug zurück; sie war so voll mit neuen Eindrücken, dass sie den Kater fast vergessen hatte. Aber er lag noch immer auf der Fensterbank vor dem Küchenfenster, hatte die Pfoten elegant unter dem Körper arrangiert und schlief.

Else öffnete das Fenster. Er blinzelte sie an und maunzte ihr einen Gruß zu. „Du solltest nach Hause gehen, Freundchen. Ich weiß nämlich nicht, ob Willi dich genauso gernhaben wird wie ich. Außerdem könnte rauskommen, dass ich dich mit dem verbotenen Schinken gefüttert hab.“

Beim Klang ihrer Stimme begann der Kater erneut zu schnurren. Else stützte sich mit ihren Ellenbogen auf der Fensterbank ab, streichelte den Kater und überlegte, in was sie ihre übriggebliebenen West-Mark investieren könnte. Sie sollte Mitbringsel für ihre Freundinnen kaufen. Und vielleicht bleibt dann immer noch etwas Geld übrig für ein T-Shirt...

Vom Kinderspielplatz kam eine dunkelhaarige Frau auf sie zu und Else lächelte sie an. „Gehört dieser Kater Ihnen?“ fragte sie, obwohl es ihr unwahrscheinlich schien. „Ich habe ihm ein bisschen was zu fressen gegeben und jetzt will er wohl nicht mehr weg.“

Der gehört keinem. Vor ein paar Wochen ist er hier aufgetaucht und jetzt wird er von einigen Leuten gefüttert, also bleibt er einfach da..., die Frau zuckte mit den Schultern, „aber ich bin nicht wirklich begeistert, weil er sich nämlich mit meinen Katzen anlegt. Die sind immer im Hinterhof unterwegs gewesen, aber seit dieser Killer hier rumstreunt, lass ich sie gar nicht mehr raus. Am Ende fangen sie sich noch was ein.“

Er sieht wirklich schlecht aus.“ Else streichelte den Kater. „Er braucht wohl einen Arzt. Vielleicht muss er auch kastriert werden. Dann würde er sich auch nicht mehr rumbalgen.“

Die Frau schüttelte den Kopf. „Also ich bring den nirgendwo hin. Ich hab nämlich zwei kleine Kinder.“ Sie wies in Richtung Spielplatz. „Ich schaff es ja noch nicht mal, mir die Haare zu waschen! Und dass irgendein Nachbar... also das bezweifel ich.“

Else nickte und fuhr fort, den Kater zu streicheln.

Jemand hat ihn angeblich gesehen, wie er aus dem Osten über den Checkpoint Charlie gelaufen kam, merkte die Frau noch an und lehnte sich an das Gerüst zum Teppichausklopfen, das sich direkt vor Elses Fenster befand. „Aber Sie kennen das: die Leute reden viel, wenn der Tag lang ist. Ich glaube ja, dass da ohne Genehmigung noch nicht mal ’ne Maus durchkommt.“

Vielleicht stimmt es ja.“ Es hätte Else gefallen, wenn es wahr gewesen wäre. Wenn wenigstens die Katzen ungehindert in ganz Berlin hätten herumspazieren können.

Ja, vielleicht stimmt es.“ Die Frau lachte. „Mein Mann sagt, dass ein so hässlicher Kater wirklich nur aus dem Osten kommen kann.“

Else wollte nicht zugeben, dass sie selbst aus dem Osten kam, obgleich das früher oder später sowieso herauskäme. „Ich finde ihn süß. Und klug. So würdevoll... Wenn er ein Mensch wäre, dann mindestens ein Herr Ingenieur. Oder eher noch ein Herr Doktor.“

Na, dann nehmen Sie Ihren Herrn Doktor doch zu sich nach Hause!

Das würde ich ja sofort, wenn...

Sie sind die neuen Mieter von den Schneiders, was? Wir wohnen gleich da drüben, oberster Stock.“

Nein, wir sind nur zu Besuch da.“

Dann nehmen Sie ihn eben, wenn Sie wieder heimfahren, mit nach Hause. Wollen Sie nicht?“ Der Frau war anzusehen, dass ihr ein Stein vom Herzen fiele, würde dieser Kater endlich aus ihrem Hinterhof verschwinden.

Else seufzte. Es war zwecklos vorzugeben, jemand anderes zu sein. „Das wird kaum gehen. Ich weiß nicht, ob man Tiere einfach so über die Grenze schaffen darf. Eigentlich sind wir nämlich aus Leipzig und nur für zehn Tage hier. Außerdem scheint dieser Kater irgendwie krank zu sein, und deshalb glaube ich nicht...

Die Frau wurde rot. „Mein Gott, Verzeihung!

Aber nicht doch.“

Ich muss nach den Kindern sehen.“

Natürlich.“ Else streckte ihr die Hand hin. „Ich hab Sie gern kennengelernt. Ich heiße Else.“

Christiane.“

Und der hier, fügte Else hinzu und streichelte den Kater, „der heißt ab heute Charlie. Mal sehen, was ich für ihn tun kann.“

 

***

 

Jeden Morgen gegen neun Uhr – immer kurz nachdem sich Willi zu seinem Kongress aufgemacht hatte – tauchte Charlie jetzt auf der Fensterbank auf. Um etwa fünf Uhr nachmittags verschwand er dann wieder, so als wüsste er, dass Else ihrem Mann nichts von ihm verraten hatte und dass es ratsam war, Willi aus dem Weg zu gehen. Else war eigentlich gar nicht bewusst, warum sie ihre Freundschaft mit dem Kater geheim hielt. Höchstwahrscheinlich deshalb, weil der Kater sie teuer zu stehen kam: die West-Mark-Vorräte ihres Bruders waren fast aufgebraucht. Statt sich etwas zum Anziehen zu kaufen, lief sie täglich zum Selbstbedienungsladen an der Ecke und besorgte Dosen mit Katzenfutter, Schinken und weißen Joghurt, den Charlie über alles liebte.

Am Donnerstag schließlich lieh sie sich von Christiane eine Katzenbox und trug Charlie zum Tierarzt; Charlie wehrte sich zwar, aber sie ließ sich nicht umstimmen, denn es war ja zu seinem eigenen Besten. Es stellte sich heraus, dass er in gar keiner so schlechten Verfassung war. Der Arzt erklärte ihr, dass Antibiotika und entzündungshemmende Augentropfen helfen würden. Und sobald die entzündeten Wunden des Katers ausgeheilt wären, müsse er noch eine Wurmkur absolvieren und sich impfen lassen, womit allerdings noch zu warten wäre, bis er wieder bei Kräften sei. Vor allem müsse er regelmäßig seine Antibiotika verabreicht bekommen. Diese seien für einen Zeitraum von zehn Tagen vorgesehen. Erst in diesem Moment begriff Else, wie hoffnungslos der Kampf war, auf den sie sich da eingelassen hatte. Was auch immer sie für Charlie tun würde, es wäre nie genug. In weniger als einer Woche würde sie wieder abreisen und den Kater zurücklassen müssen. Von Christiane konnte sie kaum verlangen, dass diese die Stafette übernehmen und Charlie zweimal täglich seine Medikamente verabreichen würde – Else und Kater Charlie waren dieser Frau doch herzlich egal.

Wenn ich dich doch nur behalten könnte, flüsterte Else dem Kater zu, als sie ihn im Hinterhof aus seiner Transportbox befreite. Den ganzen Weg über hatte er ängstlich gezittert, aber sobald er mit den Pfoten auf dem Beton des Hinterhofs aufgekommen war, hatte er sich beruhigt: er war wieder zu Hause. Vielleicht wäre es ihm gar nicht recht, wenn sie ihn von hier wegbrachte und mit nach Leipzig nahm?

Nur dass Charlie ihr unmittelbar darauf um die Beine strich und mit ihr zur Wohnungstür lief, als gäbe es nichts Selbstverständlicheres, als zusammen hineinzugehen – und Else wurde bewusst, dass der Kater sich hier vor allem wegen ihr zu Hause fühlte. Charlie war kein Streuner. Er war eine freundliche Behandlung gewohnt; bevor er auf der Straße gelandet war, hatte er wahrscheinlich mit einem liebevollen Herrchen oder Frauchen die Wohnung geteilt. Schwer zu sagen, was dann passiert ist. Vielleicht war sein Besitzer gestorben und die Erben hatten den Kater ausgesetzt? Oder Charlie war entlaufen? Was auch immer er durchgemacht hatte, jetzt schien er jedenfalls davon überzeugt, dass die schlechten Zeiten vorüber waren und er nicht nur ein Frauchen hatte, sondern auch ein Zuhause.

Else dachte daran, dass sie bei ihrer Abreise das von Charlie in sie gesetzte Vertrauen enttäuschen würde.

Und auf einmal hatte sie keinerlei Kraft mehr, um ihn fortzuscheuchen.

Sie zuckte also mit der Schulter und ließ den Kater hinein.

 

***

 

Nur noch viermal würde sie morgens aufstehen und Charlie auf der Fensterbank sitzen sehen. Nur noch viermal würde sie ihn in die Wohnung lassen, wo er es sich sofort richtig artig auf dem Sessel gemütlich machen würde, als wäre der Sessel sein Stammplatz. Und dann würde sie abreisen und ihn hierlassen müssen. Am fünften Morgen würden sie sich nicht mehr wiedersehen.

Else stand an die Wand gelehnt und betrachtete mit einigem Abstand die Silhouette des vor dem Fenster sitzenden Katers. Es nieselte, aber Charlie saß trotzdem auf seinem Platz und erwartete sie. Die nässenden Wunden an Hals und Ohren waren verheilt und auch seine Augen eiterten nicht mehr. Er hatte zugenommen und sein Fell begann zu glänzen.

Er ging davon aus, dass das hier für immer war.

Und dabei würde sie ihm das Fenster bereits am Donnerstag nicht mehr öffnen. Vielleicht schläft er dann auf der Fensterbank ein, aber spätestens am Nachmittag wird er begreifen, dass etwas nicht stimmt. Am Abend wird der Hunger ihn schließlich vertreiben. Entweder findet er dann etwas Essbares in einer Mülltonne oder er fängt in einem Keller eine Maus. Irgendwie wird er sich schon zu helfen wissen.

Else kam sich schwach, bemitleidenswert und selbstsüchtig vor, weil sie einfach nicht wusste, wie Charlie wirklich zu helfen sei. Und zwar nicht aus Eigennutz und damit sie sich die Zeit vertriebe, während ihr Mann auf diesem Kongress war, sondern einzig und allein zu Charlies Bestem. Hätte sie mehr Geld, sie würde es Christiane geben, damit die sich um Charlie kümmert, aber für mehr als ein paar weitere Katzenfutter-Dosen reichte es nicht. Und nicht einmal Willi hatte genug West-Mark, um sie einfach so auszugeben. Abgesehen davon, dass er sein Geld nie und nimmer in irgendeinen zugelaufenen, räudigen Kater investieren würde.

Gleich würde Willi aufstehen und fragen, was dieser Kater dort auf der Fensterbank zu suchen hat. Es war Samstag, der Kongress war vorbei und die nächsten vier Tage gehörten ihnen allein.

Nur dass Else sich auf einmal gar nicht mehr freute, dass sie sich gemeinsam das Brandenburger Tor ansehen würden und die Graffitis an der Berliner Mauer, dass sie mit der U-Bahn über den Nordbahnhof, Unter den Linden, Potsdamer Platz und weitere Geisterstationen fahren würden. So viele Dinge hatten sie geplant, nur dass es Else auf einmal völlig überflüssig vorkam, durch die Stadt zu spazieren, wo sie doch hätte zu Hause bleiben können bei einem Wesen, das sie so mochte.

Sie öffnete das Fenster und gab Charlie direkt aus der Hand etwas Schinken zu fressen. Er wollte unbedingt hinein. Sie zögerte und er nutzte das aus, glitt an ihr vorbei und landete dann auf dem Küchenboden.

Was ist das denn für eine Katze?“

Das ist Charlie.“

Sie wusste, dass Willi sie auffordern würde, den Kater sofort wieder rauszuwerfen. Dass Willi sie rügen würde, weil sie Charlie regelmäßig hereingelassen hatte. Dass das doch nicht ihre Wohnung sei. Und selbst wenn es ihre Wohnung wäre, seien Katzen doch überflüssig wie ein Kropf, weshalb man sich Willis Meinung nach erst gar keine zulegen sollte. Wenigstens sah Charlie nicht mehr so schrecklich aus wie am Anfang, denn sonst hätte Willi wohl sofort die gesamte Wohnung desinfiziert.

Der Kater strich an ihrer Wade entlang und steuerte dann neugierig auf Willi zu.

Miau, begrüßte er ihn.

Na hallo, du, erwiderte Willi. „Wo kommst du denn her?“ Dann sah er Else an. „Mensch, warum weinst du denn?“

Da hat sie ihm alles erzählt. Wirklich alles. Wie sie Charlie zum Tierarzt gebracht und das gesamte West-Geld für Katzenfutter ausgegeben hatte. Wie sie angefangen hatte, sich an ihn zu gewöhnen und wie sie sehr sich hier zu Hause fühlte, wo doch auch Charlie hier zu Hause sei. Wie sie ihn mit dem verbotenen Schinken aus dem Kühlschrank gefüttert und ihn in die Wohnung gelassen hatte, damit er sich in diesem Sessel zusammenrollen kann. Wie sie es zugelassen hatte, dass Charlie glaubt, dass alles wieder in Ordnung käme.

Und jetzt fahren wir wieder ab und lassen ihn allein, schloss sie ihre Erzählung und hob hilflos die Hände. „Ich weiß ja, dass man da nichts machen kann. Ich weiß ja, dass wir ihn nicht mitnehmen können. Das ist mir ja völlig klar, Willi, das musst du mir erst gar nicht sagen.“

Willi sah sie an. Dann sah er zum Kater hinüber. Dann wieder zu ihr. „Wenn dir wirklich so viel an ihm liegt, dann finden wir eben einen Weg, um ihn über die Grenze zu schaffen.“

Sie beugte sich gerade zu Charlie hinunter; sie wollte ihn auf den Arm nehmen und sich in sein Fell ausweinen. Doch nun hielt sie völlig überrascht inne und verschluckte sich fast an ihren Tränen.

Wie bitte?

Ich dachte, dass du keine Haustiere magst!

Da hast du völlig Recht. Mag ich wirklich nicht. Aber Du offensichtlich schon.“

Aber du hast doch gesagt, dass man für Katzen nur unnütz Geld ausgibt. Du hast mich gefragt, was Katzen überhaupt für einen Sinn hätten... Weißt du noch?“

Er zuckte mit den Achseln. „Das stimmt ja auch. Aber gerade eben hast du mir selbst erklärt, warum du ihn gern mitnehmen würdest... Und ich versteh das.“

Er öffnete seine Aktentasche, zog einen Notizblock mit Telefonnummern hervor und blätterte ihn durch. „Wir müssen das Impfen organisieren... irgendeinen Impfpass... ich weiß nicht. Vielleicht kann er nicht gleich am Mittwoch zusammen mit uns zurückfahren. Dann müsste sich hier irgendwer um ihn kümmern und ihn später nachbringen. Außerdem weiß ich nicht, ob Tiere nach so einem Grenzübertritt nicht in Quarantäne müssen... Aber das finden wir alles raus, das kriegen wir schon hin.“ Er raschelte mit seinen Papieren. „Ich seh mal nach, wer von diesen Leuten uns weiterhelfen kann. Umsonst wird das zwar nicht sein, aber..., er sah sie beschwichtigend an, „es wird schon klappen, du wirst schon sehen.“

Sie fasste neuen Mut. „Vielleicht könnte ich Christiane fragen. Sie wohnt gleich gegenüber, ganz oben.“

Na, dann lass uns doch gleich mal klingeln.“

Später fragte Else sich, weshalb sie Willi nicht schon viel früher eingeweiht hatte. Weshalb sie ihm nicht gleich gesagt hat, was sie quält, wovor sie Angst hat, was sie sich wünscht. Weshalb sie ihm nie gesagt hat, was sie wirklich will und fühlt. Weshalb sie immer nur Andeutungen gemacht hat. Und geglaubt hat. Und gehofft. Weshalb sie sich immer wieder kampflos geschlagen gegeben hat. Ständig rückzugsbereit war. Und immer wieder enttäuscht, wenn Willi ihr nicht entgegengekommen ist.

Weshalb es immer nur er gewesen ist, der alles entschieden hat.

Vielleicht hat immer nur er entschieden, weil sie ihn immer gelassen hat.

Schwer zu sagen, warum ausgerechnet Charlie dies alles hat ändern können.

 

***

 

Vier Tage später reisten sie schließlich ab, und zwar ohne Charlie. Es wird noch ein Weilchen dauern, bis der Kater wieder völlig gesund und bei Kräften ist, um die erforderlichen Impfungen über sich ergehen zu lassen; aber anschließend wird auch er ausreisen dürfen. In der Zwischenzeit wird sich Christiane um ihn kümmern; sie wird ihn füttern, ihm seine Antibiotika verabreichen und ihn zur Kontrolle zum Tierarzt bringen. Else war überrascht gewesen, wie glatt alles vonstatten gegangen war. Der Zauber, der ihrem Gespräch mit Willi die rechte Wendung gegeben hatte, hatte auch hier funktioniert. Sie hatte bloß zu fragen brauchen und Christiane hatte prompt genickt.

Na, klar doch, hatte sie vermeldet, obwohl sie bei ihrem Gespräch damals im Hinterhof noch ganz anders geklungen hatte. Plötzlich sprühte Christiane vor Tatendrang – vielleicht fühlte sie sich noch immer schuldig wegen ihrer Bemerkung über die hässlichen Ost-Katzen.

In zwei Monaten schließlich fährt Joachim, einer von Willis Kollegen, auf Dienstreise nach Dresden und nimmt den Umweg über Leipzig, um Charlie bei ihnen abzuliefern.

Vielleicht.

Als Else den Kater ein letztes Mal mit Schinken gefüttert hat, hat sie sich gefragt, ob sie sich wohl wirklich wiedersehen werden. In den kommenden zwei Monaten kann Charlie auch einen anderen Hinterhof zu seinem Revier erklären oder über den Checkpoint Charlie zurück in den Ostteil der Stadt laufen. Sie hatte keine Möglichkeit ihm klarzumachen, dass es sich auf jeden Fall lohnen würde zu bleiben; dass er nur Geduld haben müsse, um schon bald zur Crème de la Crème der Katzen zu gehören. Else nahm sich vor, Charlie – falls denn wirklich alles gutginge – für den Rest seines Lebens zu hegen und zu pflegen wie einen lieben, alten Universitätsprofessor.

Sie wandte sich ab, um die letzten Sachen einzupacken, und als sie erneut zur Fensterbank sah, war Charlie verschwunden.

Sie schloss die Tür zu der Wohnung ab, in der sie in den vergangenen zehn Tagen tiefere Wurzeln geschlagen hatte als in den vergangenen neun Jahren in der eigenen Plattenbau-Wohnung.

Dann warf sie die Schlüssel in den Briefkasten und machte sich mit Willi auf die Heimreise.

Als Else dem Zollbeamten an der Grenze völlig verweint die Pässe überreichte, zwinkerte der ihr aufmunternd zu. Wahrscheinlich, dachte sie, filzt der tagaus, tagein irgendwelche hysterischen Weiber und sie gewann ihre Fassung zumindest teilweise zurück.

Irgendwo zwischen der Elbbrücke und der Abzweigung nach Dessau konnte sie schließlich lächeln. Schwer zu sagen, ob sie Charlie an diesem Morgen nicht zum letzten Mal gesehen hatte, aber nach Hause nahm sie trotzdem etwas mit: die Gewissheit nämlich, dass man im Grunde alles erreichen kann. Man muss nur wollen.