Das warten auf den Kater (2012)

Ein Buch mit Geschichten für Katzenliebhaber und ihre Freunde.

DER ABSCHNITT:

 Auf dem Weg zum Strand

In diesem Sommer fielen sämtliche Temperaturrekorde, auf der Insel Brač hatte das Feuer bereits viertausend Hektar Wald versengt, Reisende waren aus ihren Hotels geflohen und eine weitere Woche trug der Wind beißenden Brandgeruch herüber.

 Als nur noch vier Tage bis Urlaubsende blieben, der Wind endlich gedreht hatte und die Luft nur noch nach Meer, sonnenwarmen Felsen und Harz roch, gesellten sich auf dem Weg durch den Olivenhain zwei Kätzchen zu ihnen.

 Robin bückte sich und streckte die Hand aus. Zunächst waren die Kätzchen scheu und wichen aus, aber als er in einem unbeobachteten Moment einem der Kätzchen über den Rücken strich, schmiegte es sich an ihn und kletterte dann sogar auf seinen Schoß. 

 „Mami, wo kommen die denn her? Die haben doch bestimmt Durst! Und Hunger!“

 Sie hatten Robin vorlaufen lassen – das mochte er, dann kam er sich wie ein Großer vor – und blieben weit genug zurück, um in Ruhe über die Scheidung zu sprechen. Es war der letzte gemeinsame Urlaub, der alles hätte retten können, aber nur erneut bewies, dass nichts als Leere geblieben war.

 Mittlerweile besprachen sie alles ziemlich offen.

 „Geteiltes Sorgerecht will ich nicht, dieses ewige Hin und Her macht das Kind doch nur verrückt.“

 „Na klar, er muss ein festes Zuhause haben. Ich kann ihn ja an den Wochenenden nehmen, da vertrau ich dir, du zickst bestimmt nicht rum...“

 „Und trotzdem denk ich immer wieder: Wenn wir nicht mit deiner Mutter wohnen würden, dann sähe das Ganze sicher anders aus.“

 „Weiß der Himmel. Aber das ist doch alles ist längst besprochen, also hör endlich auf damit.“

 „Und was ist mit dem Sparbuch?“

 „Na, die fuffzich Lappen nimmst du und ich krieg das Auto.“

 „Was denn für Lappen?“, mischte sich Robin ein. Er malte sich seine Mutter aus mit fünfzig von diesen bunten Wischlappen, die die Frauen im Schul-Speisesaal immer benutzten. Das gäbe einen ordentlichen Turm und die Mutter müsste ganz schön aufpassen, damit der beim Gehen nicht umkippt.

 „Dafür bist du noch zu klein“, erwiderte die Mutter.

 „Wir reden über Geld. Mit Lappen meine ich Tausender“, erklärte der Vater. „Lauf schon mal vor, ja? Die Mama und ich müssen hier noch was besprechen.“

 Robin wollte noch fragen, wo die Mutter diese Lappen hernimmt und wohin sie sie bringt, aber noch bevor er angesetzt hatte, waren diese beiden Kätzchen da. Eigentlich zwei Kater, der eine schwarzweiß, der andere rötlich.

Wir sollten ihn da nicht mit reinziehen“, sagte die Mutter, und jetzt verstand Robin jedes einzelne Wort, weil er bei den Kätzchen kauerte und die Eltern näherkamen. „Er ist doch gerade erst in der Zweiten.“

 Mit beiden Kätzchen im Arm richtete sich Robin auf und sah seine Eltern fragend an. „Können wir die mitnehmen?“

Natürlich konnten sie sie nicht mitnehmen.

 

„Die gehören garantiert irgendwem“, sagte der Vater und blickte in die verdorrte Landschaft: knorrige Olivenbäume und brüchige Steinmauern, die den Hügel hinaufkrochen; ein weißer Kiesweg, darunter das Meer, darüber nichts als Fels -  und nicht das geringste Anzeichen von irgendeinem Haus, zu dem die Kätzchen gehören könnten.

 

Sie packten ihre belegten Brote aus und gaben den Kätzchen Käse und Schinken. Dann versuchten sie es mit dem Brot selbst, und auch das verschlangen die Kätzchen bis auf den letzten Krümel.

 

„Seht ihr? Die haben Hunger“, behauptete Robin. „Die gehören keinem.“ Mit den Händen formte er eine Schale und ließ sich vom Vater Wasser hineinschütten, das er den Kätzchen dann hinhielt. Die schleckten es gierig auf.

 

Eine Weile spielten sie noch mit den beiden Tieren, gingen dann aber doch weiter zu dem Strand, den sie angesteuert hatten. Die Kätzchen liefen hinterher und zwischen ihren Beinen herum; sie tappten über die Kieselsteine und verschwanden für eine Weile zwischen den Olivenbäumen, wuselten aber schon bald wieder zwischen ihren Beinen herum.  

 

Erst da, wo der Weg langsam zum Meer abfiel, hielten die Kätzchen inne.

 

„Weiter gehen die nicht mit. Garantiert haben die da oben auf dem Hügel irgendein Zuhause“, sagte der Vater erleichtert.

 

Robin rief noch nach ihnen und versuchte sie weiter anzulocken, aber der Vater erklärte ihm, dass das ein Fehler sei. Wenn die Kätzchen nämlich zu weit liefen, dann fänden sie vielleicht nicht mehr nach Hause.

 

Sie gingen zum Strand hinunter, aber als sie zwei Stunden später zum Hotel zurückgingen, saßen die Kätzchen noch immer da. Und liefen schließlich fast den ganzen Weg bis zum Hotel hinterher.

 

„Mitnehmen geht nicht, und damit basta“, beharrte die Mutter und zog Robin an der Hand in die Hotelhalle. „Irgendwer hat dann ganz sicher Sehnsucht nach seinen Kätzchen. Und vielleicht ist das genau so ein Junge wie du, stell dir das mal vor!“

 

„Die haben keinen solchen Jungen wie mich. Die sind ganz allein.“

 

„Und selbst wenn: Da können wir nichts machen. Wir können sie höchstens ein bisschen aufpäppeln und ein paar schöne Tage mit ihnen verbringen, aber das ist auch schon alles.“ Und dann hat die Mutter noch hinzugefügt, dass man Tiere nicht einfach so über die Grenze bringe. Dass es dafür Gesetze gäbe und dass die Kätzchen geimpft werden müssten, einen Impfpass bräuchten und wer weiß was. „Und das alles schaffen wir sowieso nicht, weil wir ja schon in vier Tagen wieder abreisen.“

 

Sie fahren nach Hause und verteilen die Lappen. Und er bleibt bei der Mutter, weil ein gemeinsames Sorgerecht ihn nur verrückt machen würde. Gern hätte er gefragt, was ein gemeinsames Sorgerecht ist, aber er blieb stumm.

 

Abends konnte er nicht einschlafen. „Mach die Äuglein zu und hör auf das Meeresrauschen, so was Schönes gibt es daheim nicht“, sagte die Mutter, und genau das machte er dann auch, aber an die Kätzchen musste er trotzdem denken. Er stellte sich vor, wie sie jetzt allein im Dunkeln zwischen den Olivenbäumen umherstrichen und sich schon auf den morgigen Käse freuten. Robin war traurig und das Meeresrauschen unter dem Balkon  half ihm nicht im Geringsten. Wie auch.

 

 

 

Zweimal am Tag brachten sie den Kätzchen jetzt Käse vom Frühstück und Katzenfutter, das sie im Dorf gekauft hatten. Jedes Mal fraßen die Kätzchen alles auf, begleiteten sie ein Stück des Weges und warteten dann auf ihre Rückkehr vom Strand. Vor ihren ausgestreckten Händen fürchteten sie sich nicht mehr. Schon aus der Ferne erkannten sie sie und liefen ihnen mit aufrechtem Schwanz entgegen, um sie zu begrüßen.

 

Das wurde zum Ritual. Wenn Robin sich beim Frühstück unauffällig Servietten mit Käse und Schinken in die Hosentasche schob oder wenn er mit den Eltern im Selbstbedienungsladen Katzenfutter kaufte und sie sich nicht einigen konnten, welcher Geschmack den Kätzchen wohl am besten schmeckt, dann war alles wie vor diesem ganzen Gerede über die Lappen und das geteilte Sorgerecht. Robin merkte das. Über solche Sachen muss man nämlich nicht sprechen, die passieren einfach.

 

„Ich will gar nicht dran denken, wie wir diese Kätzchen hierlassen“, sagte der Vater am letzten Tag, als ihm eines der beiden Tiere Käsestückchen aus der Hand fraß.

 

„Vielleicht könnten wir sie ja doch...“

 

„Aber wenn sie uns an der Grenze filzen, nehmen sie sie uns ab“, wandte die Mutter ein. „Und das ist dann noch schlimmer, als wenn sie hierbleiben, wo sie sich auskennen.“

 

„Hast ja Recht. Aber trotzdem.“

 

„Ich weiß. Ich hab mich ja auch schon an die beiden gewöhnt.“

 

Der Mann mit dem hölzernen Wanderstab kam genau in dem Moment vorbei, als sie überlegten, wie sie die Kätzchen kurz vor der Grenze im Kofferraum verstauen könnten, von dem sie hofften, dass die Zollbeamte ihn nicht kontrollieren. Sie könnten das Radio anmachen und Robin könnte laut dazu singen, um das Miauen zu übertönen.

 

Der Mann sagte etwas auf Kroatisch und wies mit seinem Stock Richtung Olivenhain.

 

„Das sind seine Kätzchen. Die sind von da oben gekommen. Dort wohnt der Mann“, übersetzte der Vater für Robin.

 

Der Mann beugte sich hinab, aber seiner Hand wichen die Kätzchen aus. Eines bekam er schließlich doch zu fassen, er hielt es an der Nackenfalte fest wie ein Karnickel und hob es dann nur so zum Spaß hoch. Das Kätzchen zappelte und das andere verschwand zwischen den Bäumen. Der Mann lachte und sagte etwas Unverständliches.

 

„Wir sollen sie nicht füttern. Sie fangen Mäuse“, erklärte der Vater.

 

Dann ließ der Kroate das Kätzchen wieder frei.

 

Robin begriff nicht, warum seine Eltern diesem Mann nicht sagten, dass sie die Kätzchen gern mitnehmen würden. Glaubten sie etwa, dass dieser Mann das nicht versteht? Oder hatten sie Angst, dass er sie ihnen nicht überlässt? Oder wollten sie sie am Ende heimlich mitgehen lassen?

 

„Jetzt wissen wir wenigstens, dass sie nicht allein sind“, sagte der Vater, als sie Richtung Strand gingen. „Na, was guckst du denn so, Robin? Du glaubst doch wohl nicht, dass wir sie mitnehmen können, wenn sie jemandem gehören!“

 

 

 

Er sang, bis ihm der Hals wehtat, hüpfte auf dem Rücksitz hin und her und klatschte im Takt der Musik.

 

„...und dieses Biene, die ich meine, nennt sich Maaaajaaaa...“

 

„Das geht schon die ganze Zeit so“, erklärte der Vater dem Zollbeamten, als er ihm die Pässe durchs Fenster reichte.

 

„Da freut sich wohl einer auf zu Hause.“

 

„Jaja, der freut sich wirklich auf zu Hause, der muss morgen ja auch nicht zur Arbeit so wie wir.“ Dem Vater versagte die Stimme. Er und die Mutter lachten gezwungen.

 

„In Ordnung.“ Der Zollbeamte warf Robin einen letzten prüfenden Blick zu und gab dem Vater die Pässe zurück.

 

„... kleine, freche, schlaue Biene Maaaajaaaa...“

 

„Danke, Wiedersehen.“

 

Die Schranke ging hoch, der Vater fuhr los. Noch eine Minute oder zwei gab keiner einen Laut von sich, der Zollbeamte hätte ja bemerken können, dass sie verdächtig sind, und dann würden sie prompt verfolgt werden und müssten anhalten und das komplette Auto ausräumen.

 

Erst nach einer Weile sahen sich der Vater und die Mutter an und riefen einstimmig: „Hurraaaaa!“

 

„Wir haben’s geschafft!“

 

„Sie gehören uns!“

 

„Und wie sollen wir sie nennen?“

 

An der ersten Kreuzung hielten sie an und holten die Kätzchen aus dem Kofferraum. Die Tiere waren ruhig und zutraulich, als wären sie lange Autofahrten und unbefugte Grenzübertritte längst gewöhnt.

 

Hinten auf dem Rücksitz streichelte Robin über ihr Fell und dachte daran, wie sie am Morgen noch vor dem Frühstück das Hotel verlassen hatten und den Hügel hinaufgestiegen waren. Zu dieser Zeit waren sie noch nie bei den Kätzchen gewesen, und deshalb hatte der Vater entschieden, dass sie das Haus dieses Wanderstab-Mannes finden müssten. Die Kätzchen hatten dort auf den baufälligen Säulen eines weinumrankten Tors gesessen. In der Morgensonne hatte alles weich und rosa golden geschimmert.

 

„Er verkauft sie uns“, hatte der Vater die Worte des Mannes übersetzt. „Aber dann muss er sich angeblich neue Kätzchen suchen, und das kostet jede Menge Nerven.“ In den zusammengekniffenen Augen des Wanderstab-Mannes hatte etwas aufgeblitzt und dann hatte er eine Summe genannt, die sowohl dem Vater als auch der Mutter viel zu hoch vorkam.

 

Beide waren etwas beiseite getreten. „Der will uns doch nur ausnehmen“, beschwerte sich der Vater. „So einen Haufen Geld für zwei kleine Kätzchen! Und wenn ich ihm so viel gebe, bleibt uns selbst überhaupt nichts übrig und auf der Rückfahrt müssen wir alles mit der Kreditkarte bezahlen.“

 

„Naja“, meinte die Mutter, „das ist wirklich teurer als das Benzin für den gesamten Heimweg. Schlicht und einfach Betrug. Und wenn wir uns drauf einlassen, sind wir ganz schön blöd.“

 

Sie sahen zu den Kätzchen hinüber. Dann zu dem Mann. Schließlich sahen sie sich an und die Mutter bekam rote Augen.

 

„Weißt du was?“, fragte der Vater. „Ich würde sie sogar dann nehmen, wenn er doppelt so viel verlangt.“

 

„Ich auch.“

 

„Und genau deshalb haben wir auch nie genug Geld für eine eigene Wohnung zusammenbekommen.“

 

„Ja. Wir sind wirklich schrecklich.“

 

Sie grinsten sich an und der Vater ging zum Haus zurück, um dem Wanderstab-Mann das Geld zu geben. Der Mann fing die Tiere ein und wollte sie in eine abgewetzte Tasche mit Reißverschluss stecken, aber sie erklärten ihm, dass das nicht nötig sei und dass die Kätzchen bestimmt freiwillig mitkämen.

 

Etwas hatte sich verändert. Etwas war anders geworden und war dann so geblieben. Über dieses Gefühl denkt Robin nicht allzu viel nach. Er genießt es einfach. Den gesamten Rückweg über lässt er sich davon streicheln und besänftigen, und er ist sich sicher, dass es seinen Eltern genauso geht.

 

Als sie durch Ljubljana fahren, lässt der Vater für einen Moment das Lenkrad los und fährt der Mutter mit den Fingerspitzen über den Handrücken. Sie lässt ihre Hand liegen. Beide schweigen. Über solche Sachen muss man nämlich nicht sprechen, die passieren einfach.